Weg (III)

Inspiriert vom mind.in.a.box-Album Lost Alone

Stella Christiane Bongertz

Nachdem ich den Schalter des Transzenders betätigt hatte, passierte erst einmal nichts. Ich lag auf meinem Bett, starrte an die Decke mit den Wasserflecken und wartete. Ich schloss die Augen. Müdigkeit breitete sich in mir aus, ich klebte schwer auf der Matratze. In meinen Ohren rauschte es, doch das war nicht weiter ungewöhnlich. Dann begann sich das Innere meines Kopfes zu drehen, wie immer, wenn ich zu träumen anfing. Und das tat ich. Träumen, meine ich. Ganz ohne Zweifel.

Ich erkannte alles sofort. Ein gleißender Ring aus Licht, der Horizont zu allen Seiten bestand mit einem Mal aus einem leuchtenden Streifen. Fahrzeuge, die sich sehr schnell bewegten und mit ihren Scheinwerfern das ganze Licht zu erzeugen schienen, vielleicht bestanden sie auch aus Licht, ich weiß es nicht. Vor mir eine Menschenmenge, unzählige dunkel gekleidete Personen, die rasch kleiner wurden. Und mitten darin ein heller Punkt, ein Gesicht, das mir zugewendet war. Es war ihr Gesicht. Dieses fremde Gesicht, das nicht zu erkennen war und mir doch so vertraut schien. Sie rief mich. Das war mir klar, auch wenn ich sie nicht hören konnte und auch wenn sie weit weg war, winzig klein, und sich zusammen mit der Menge entfernte. Offenbar lief sie rückwärts. Keine Frage: Ich befand mich in meinem stets wiederkehrenden Albtraum. Dem Albtraum an dessen Ende ich weinend, ohne Geräusche und ganz allein zurückblieb. Jenem Traum, von dem ich gehofft hatte, mich mit Hilfe dieses kleinen Geräts, das Glückseligkeit versprach, befreien zu können. Mit großer Anstrengung gelang es mir, meine Augen zu öffnen und mir die Elektroden vom Schädel zu reißen.

Ich brauchte einige Minuten, um klar zu werden. Was hatte das zu bedeuten? Andere Menschen benutzten die Transzender, um ihren Sorgen zu entfliehen, ich katapultierte mich direkt in sie hinein. In dieses Hirngespinst. Oder irrte ich mich, handelte es sich um kein Hirngespinst? Vielleicht war ich auch verrückt geworden oder nahe daran, meinen Verstand zu verlieren. Merkte man eigentlich, wenn man wahnsinnig wurde? Oder war es das Wesen des Wahnsinns, das Unmögliche für wahr zu halten? Konnte man solche Gedanken haben, wenn man bereits wahnsinnig war?

Ich entschied mich, die letzte Frage für mich mit „nein“ zu beantworten. Ich war nicht verrückt. Und der Transzender war kaputt. Ganz einfach. Aber ich hatte ja noch zwei weitere. Morgen würde ich einen neuen Versuch wagen, nachdem ich mich gründlich ausgeruht hatte.

Am nächsten Tag rief ich im Büro an und meldete mich krank. Möglicherweise hat mich auch das verdächtig gemacht. Zu jenem Zeitpunkt war ich allerdings davon überzeugt, niemand zu ein, dem man subversive Aktionen zutrauen würde. Ich hatte noch nie das Gesetz gebrochen. Oder... nun, um ehrlich zu bleiben, sollte ich es anders formulieren, diese Aufzeichnung verliert ihren Sinn, wenn ich zu lügen beginne: Ich war noch nie erwischt worden, wenn ich dem, was man hier „Recht“ nennt, nicht gefolgt bin. Selbst die Geschichte mit den gefälschten Passierkarten, mit denen L und ich vor vierzehn Jahren die Grenze überqueren wollten, war nie herausgekommen. Und falls doch, weiß ich nichts davon. Schon möglich, dass irgendwo geheime Dateien existieren. Über mich. Über L. Ja, ich wiederhole mich, aber dieser Punkt scheint mir wichtig. Derjenige, der irgendwann dieses Dokument liest – ich bete, dass es keiner von ihnen ist – wird vielleicht mehr damit anzufangen wissen: Oft beschleicht mich dieses kalte Gefühl, dass jeder einzelne jederzeit ausspioniert wird. Dass das kalte Auge der Macht keine Hindernisse kennt. Wie auch immer das vor sich gehen mag.

L und ich hatten damals mit unseren Passierkarten lange am Grenzübergang am äußeren Stadtgürtel auf der Lauer gelegen, um, wie L sich ausdrückte, „eine günstige Gelegenheit abzupassen.“ Wie diese Gelegenheit hätte aussehen sollen, davon hatten wir keine Vorstellung. Aber als wir dort so im Staub lagen, die Nasen dicht über dem nach Schimmel stinkenden Boden, die Augen fest auf den Grenzübergang gerichtet, erkannten wir plötzlich zwei Kommilitonen aus der Universität, die sich der Wachtbude näherten. Die beiden besuchten damals mit uns ein Seminar und schienen genau das tun zu wollen, was auch wir vorhatten. Sie zogen etwas aus ihren Taschen, etwas, das sie dem Wachhabenden zeigten, der sie daraufhin hereinwinkte. Wir wurden Zeuge, wie sie innerhalb von wenigen Minuten in einem schwarzen Liefer-Gogg ohne Registrierung abtransportiert wurden. In diesem Moment siegte unsere Angst. Es war, als hätte uns jemand ein Zeichen gegeben. Gleichzeitig sprangen wir auf, suchten geduckt Sichtschutz hinter den vertrockneten Büschen und den ausgeweideten Wagen, die diesem Niemandsland die Atmosphäre einer Nachkriegsöde gaben. Sobald wir außer Sichtweite der Grenzposten waren, begannen wir zu rennen. Schweigend rannten wir nebeneinander her, ohne einen Blick zurück und auch, ohne uns gegenseitig anzusehen. L und ich hatten nie wieder ein Wort über diese Geschehnisse verloren. Die Passierkarte hatte ich noch in derselben Nacht gelöscht, ich gehe davon aus, dass L dasselbe getan hat.

Die beiden Jungen waren nie wieder im Seminar aufgetaucht.

Ich habe Ewigkeiten nicht mehr an sie gedacht. Damals konnte ich nicht anders, als den Gedanken daran zu verdrängen, was mit ihnen geschehen sein mochte, um nicht wahnsinnig zu werden. Sie aus meinem Erinnerungsspeicher zu löschen, wie ich die Passierkarte gelöscht hatte. Fast schien es, als hätte ich sie vergessen. Aber jetzt, in diesem Augenblick, fallen sie mir wieder ein. K und S, die Überflieger. Sie waren jünger als L und ich, aber schon fast fertig mit ihrem Studium. Vielleicht ist auch ihr Verschwinden in dem Puzzle wichtig, dessen Teile mir nach und nach vor die Füße fallen, ohne dass ich sie zusammensetzen könnte. Vielleicht spielen sie auf diese Weise nach all den Jahren noch eine Rolle. Ich bin unsicher, ob ich diesen Gedanken tröstlich oder erschreckend finden soll.

Bin ich jetzt auch verschwunden? Werden die, die mich kannten, mich nie wieder sehen? Werde ich für einen namenlosen Zukünftigen irgendwann einmal „noch eine Rolle“ spielen?

Meine Hand lahmt vom Schreiben, meine Lider sind schwer, aber gerade hat mir der Wirt noch einen weiteren Kaffee vor die Nase gestellt. Er riecht gut und stark. Wenn ich aufschaue in dieser Absteige und den Blick schweifen lasse über die schemenhaften Gestalten an den anderen Tischen, dann fällt mir auf, dass ich seit Wochen niemanden mehr gesehen habe, den ich kenne. Außer der Frau in meinen Träumen.

Doch ich wollte – ich muss – von den Transzendern erzählen. Ich setzte mich also an meinen Küchentisch. Vor mir hatte ich die drei Geräte ausgebreitet, die ich unter der Werkbank im Keller von Halle 11 gefunden hatte. Zwischen dem Staub von Wochen. Oder Monaten. Der Transzender, den ich am vorigen Tag ausprobiert und der mir meinen alt bekannten Albtraum beschert hatte, lag ganz links. Ich nahm ein Gerät nach dem anderen in die Hand, verglich die Gehäuse, die Kabel, die Sendekugel. Sie waren äußerlich absolut identisch. Ohne genauere Untersuchungen anzustellen war es unmöglich, herauszufinden, warum der eine Transzender mich in meinen Albtraum geschickt hatte. Ob dies das Resultat eines Defekts war. Nach einigem Zögern entschied ich mich für das mittlere Gerät. Diesmal wollte ich am Tisch sitzen bleiben. Aufrecht. So wollte ich verhindern, dass mir die Müdigkeit einen Streich spielte, sich ungewollte Träume und gewollte Halluzinationen vermischten, denn natürlich war ich nicht ausgeschlafen. In der Nacht hatte ich mich herumgewälzt, war nur ab und zu in einen wenig erholsamen Dämmerzustand geglitten, in dem ich aber von meinem Traum verschont worden war. Immerhin.

Diesmal hatte ich die Elektroden schneller am Kopf befestigt. Ich drückte auf den Schalter. Meine Augen ließ ich geöffnet und starrte aus dem Fenster, vor dem schmutziger Dunst das Blau des Himmels graugelb einfärbte. Dann lösten sich mein Fenster und der Himmel in bunte Streifen auf, die um mich herum zu kreisen begannen, immer schneller. Und dann sah ich den Lichtring. Diesen verdammten Lichtring. Alles war wie gestern. Ganz genau wie gestern. Wie immer.

Ich wurde wütend, schrie in Richtung der Frau, die soeben aus der Menschenmenge aufgetaucht war, doch es kam kein Ton aus meiner Kehle. In dem Moment, in dem ich meine Kopfhaut von den Metallplättchen befreite, betäubte mein eigener Schrei meine Ohren.

Was war das? Stimmte mit mir etwas nicht? Mit den Transzendern? Was hatte dieser Traum zu bedeuten?

Um es hinter mich zu bringen, nahm ich das letzte Gerät und schloss mich daran an.

Das Ergebnis war das gleiche.

Eine unglaubliche Wut packte mich. Die Wut der Hilflosigkeit, die aus dem Drang resultiert, etwas bewegen zu wollen, etwas bewegen zu müssen, aber nicht zu wissen, was überhaupt los war. Ich fegte die Transzender vom Tisch und verließ die Wohnung. Ich wollte zu meinem Wagen, den ich im Parkschacht des blauen Sektors abgestellt hatte. Während der Transporter nach unten surrte und ich davor wartete, begann es zu regnen. Ich erinnere mich, dass ich in diesem Moment dafür dankbar war. Vielleicht hatte ich die Hoffnung, der Regen könne nicht nur den Dreck aus der Luft spülen und sie wieder leichter zu atmen machen, sondern auch meine Gedanken reinigen. Unklarheiten hinweg waschen. Dann fuhr ich los, stundenlang, durch einen Vorhang aus Regen und Schmutz, um besser nachdenken zu können.

Mein Wagen ist in den letzten Wochen, seitdem ich fliehen musste vom Gefährt zum Gefährten geworden, mein Zuhause, in vielerlei Hinsicht. Es hilft mir, klare Gedanken zu fassen. Wenn sich bei der Fahrt die Umgebung in abstrakte Farben und Formen auflöst, die ich im Augenwinkel vorbeiziehen und dann verschwinden sehe, ordnet sich gleichzeitig etwas in mir. Bei dieser Fahrt vor etwa einem Monat tat der Regen ein Übriges, die Schlieren aus Wasser, die auf meinen Fenstern tanzten, haben alles Bekannte getilgt. Schnell hatte ich die Orientierung verloren und das war genau das, was ich wollte.

„Wenn du nicht mehr weiter weißt und die Landkarte deines Lebens nur noch Orte zeigt, die nicht mehr von Bedeutung sind, musst du dir eine neue zeichnen.“ Das war der letzte Satz gewesen, den L zu mir gesagt hat bevor er verschwunden ist. Jetzt spinnt er vollkommen, hatte ich gedacht. Und nun? Nun erscheint mir Ls Satz mit einem Mal wie die Essenz der Weisheit oder auch wie eine Prophezeiung.

Ich fuhr also und fuhr und irgendwo, in einer gottverlassenen Gegend mit brach liegenden Industriehallen, überwucherten Gleisen und Stacheldrahtzäunen hielt ich an. Der Regen trommelte auf das Dach und schläferte mich ein. Dort spürte ich wieder die Folgen der Schlaflosigkeit. Alles fühlte sich unendlich schwer an. Meine Arme, meine Beine und mein Gemüt. Ich schloss die Augen, gleißende Punkte tanzten auf meiner Netzhaut und mein Kopf wurde ganz leer, als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt und alles Vorhandene gelöscht. Dann, es war ein Fluch, begann ich wieder zu träumen, nur, dass ich mir diesmal keine Elektroden herunterreißen konnte. Noch etwas war anders, Details, die möglicherweise wichtig sind , nur darum erwähne ich mein Martyrium ein weiteres Mal. Der Wagen schrumpfte unter mir weg oder ich setzte mich in Bewegung, senkrecht nach oben, genau kann ich das nicht sagen, vielleicht geschah beides gleichzeitig. Die Industriehallen waren verschwunden, der Horizont zu allen Seiten bestand wieder aus dem leuchtenden Streifen. Die Menschenmenge erschien.

In diesem Moment kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich nicht träumte. Dass sich all das nicht nur in meinem Kopf abspielte. Das etwas davon real war.

Kaum hatte ich das gedacht, drehte mir die Frau plötzlich den Rücken zu, gleichzeitig löste sich aus der Menge eine Form, die auf mich zuraste. Eine Maschine, ein dunkler Blitz. Und ich fiel. Rasend schnell fiel ich zurück, ein Sog zog mich nach unten, mein Wagen war auf einmal wieder da, die Windschutzscheibe mit dem Film aus Regenwasser. Mitten in diesem verschwommenen Bild der regennassen Scheibe tauchte der dunkle Blitz auf, der weiter auf mich zuschoss, schließlich langsamer wurde und neben mir zum Stehen kam. Dann klopfte es ans Seitenfenster. Ich weiß, es mag leichtsinnig wirken, aber ich ließ ich es herab. Draußen sah ich einen Moggfahrer, völlig vermummt, weder sein Gesicht noch sonst etwas waren zu erkennen. Er reichte mir einen Zettel, wendete und brauste wieder davon. Ja, ich spreche von dem Zettel, der mich hierher geführt hat. Der Zettel mit dem Satz „War nicht schon der Anbruch des Tages ein wenig ungewöhnlich?“, dem alten Code von L und mir. Dazu die Adresse des Cafés, das heutige Datum, das damals noch mehr als vier Wochen entfernt war, eine Uhrzeit und die zwei weiteren Sätze: Du musst dich in Acht nehmen, sie sind hinter dir her. Sei dort und wir werden dir helfen.

Wie sehr ich Hilfe brauchen konnte, wusste ich allerdings erst, als ich nach Hause zurückkehrte und ihnen dort zum ersten Mal begegnete.

Meinen Verfolgern.