Archen (II)
Inspiriert vom mind.in.a.box-Album Lost Alone
Stella Christiane Bongertz
| Durch einen Zufall kam es, dass ich einige Dinge ans Licht gezerrt habe. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: ich habe sie allein im Stillen mit einer Taschenlampe beleuchtet. Ich wollte erst einmal nichts von meinen Entdeckungen an die große Glocke hängen, bis ich mehr Details herausgefunden hätte. Über die Gründe. Aber dazu kam es nicht mehr und nun bin ich auf der Flucht. Wir bauen bei uns in der Firma Teile für die Ajax-Fähren. Ich sage „wir“ und „uns“, dabei gehört auch meine Arbeitsstelle zu den Orten, an die ich nicht mehr zurückkehren kann. Dorthin am allerwenigsten. Jedenfalls hatte ich vor ein paar Wochen ein Gespräch bekommen von einem dieser Sammler, die jedes Schräubchen, das etwas mit dem Weltraum zu tun hat, auch wenn es nur zu etwas so Profanem wie einer Ajax-Fähre gehört, für einen unglaublichen Schatz halten. Warum man ihn zu mir durchgestellt hat, weiß ich nicht, wahrscheinlich hatte der Student in der Zentrale sich in der Taste geirrt, vielleicht hatte aber auch die für solche Dinge zuständige Kollegin alle Gespräche auf meinen Foner umgeleitet, weil sie sich wieder mit dem Praktikanten im Postraum vergnügte. Inzwischen überkommt mich zuweilen so eine Ahnung, dass bereits dieses Gespräch pure Absicht war, dass man wollte, dass ich herausfinde, was ich nun mal herausgefunden habe. Möglicherweise bin ich aber auch nur paranoid. Ich hatte mir gerade einen Kaffee gemacht und ein Stück übrig gebliebenen Apfelkuchen bei M geschnorrt, die am vorhergehenden Tag Geburtstag gehabt hatte. Vor mir standen also, noch unberührt, die Zutaten meiner spätnachmittäglichen Pause, als das Foner-Symbol im Monitor meines Arbeitspultes erschien. Die Daten wurden nicht angezeigt und ich überlegte kurz, ob ich mich überhaupt melden sollte. Dann fiel mir ein, dass mein Chef unterwegs war und vielleicht inkognito anrief. Ich ging auf Empfang und dran war dieser Spinner. Er erkundigte sich nach einem Bauteil, dessen Produktion schon lange eingestellt ist. Ein Kühlmodul. Richtig gefleht hat er, dieses Stück fehle im noch, dann sei seine Sammlung nahezu komplett. Ich fragte mich, was das wohl bedeutete, wenn seine Sammlung „komplett“ wäre. Ob er sich wohl in irgendeinem Hinterhof einen ganz persönlichen Ajax bastelte, so wie Noah seine Arche. Viele wollten weg von hier, mich eingeschlossen und einige entwickelten da verrückte Ideen. Irgendwie gelang es mir nicht, ihn abzuwimmeln. Das heißt, wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich nur keine Lust, weiter im Büro zu sitzen und sah die Sache als hübsche Abwechslung. Nur deswegen habe mich endlich breitschlagen lassen. Ich versprach, nach dem Teil zu sehen und erkundigte mich bei dem Sammler nach seinen Daten, doch er meinte nur, er melde sich dann später noch einmal. Jetzt, Wochen später, wo ich das hier alles aufschreibe, frage ich mich, ob mich nicht auch das hätte stutzig machen sollen. Dass er mir seine Daten nicht geben wollte. Nun ja, es hat mich damals nicht stutzig gemacht. Nach dem Gespräch war mein Kaffee kalt. Also, redete ich mir ein, konnte ich genauso gut sofort nach dem Bauteil suchen. Ich ging los und fragte im Lager und in der Werkstatt danach. Ohne Erfolg. Unser dienstältester Techniker R meinte, ich könne eventuell in Halle 11 Glück haben, da seien die Dinger früher hergestellt worden, vielleicht liege da noch etwas rum. Ich lieh mir von ihm eine alte Produktliste, um zu wissen, wonach ich Ausschau halten musste. Anschließend bin ich über den großen Parkplatz zur Halle am anderen Ende des Geländes spaziert. Der Parkplatz wird nur noch im vorderen Teil genutzt, weiter hinten hat der Platz Schlaglöcher und überall sprießt Gras und Unkraut. Ich ließ mir Zeit, schlenderte im großen Bogen um die Kraterlandschaften herum, schließlich war der Chef ausgeflogen, wie gesagt. An der Außenwand der Halle entdeckte ich zwei der alten Kameras, mit denen vor vielen Jahren das Gelände überwacht worden war. Die Abdeckung der einen fehlte, bei der anderen hatte sich die Befestigung gelöst. Sie hing an einem Kabel kopfüber herab und schaukelte traurig im Wind. Auch diese Kameras waren Sammlerstücke, Zeugen einer anderen Zeit, in der die Überwachung noch sichtbar war. Wie sie heute funktioniert, weiß niemand genau, aber es gibt sie, mein Schicksal ist der beste Beweis. Wie ein Virus dringt die Observation überall in den Organismus der Gesellschaft ein, in seine Zellen, davon bin ich überzeugt. Auf welchen Wegen, bleibt verborgen. Ebenso, wer eigentlich wen ausspioniert – und warum. Menschen verschwinden. Die, die offenkundig nicht mit dem Strom schwimmen genauso wie unauffällige Zeitgenossen. Vielleicht sind viele auf der Flucht, wie ich. Andere haben es möglicherweise nicht rechtzeitig geschafft. Aber das sind Vermutungen, ich kann nur für mich sprechen. Fest steht, dass die Verschwundenen nur selten zurückkehren. Durch die offenen Tore der verlassenen Halle pfiff der Wind. Drinnen lag unglaublich viel Plunder herum, uraltes Zeug, der Sammelheini hätte wahrscheinlich vor Begeisterung eine Erektion bekommen. Ich suchte eine Weile, fand allerdings nicht das begehrte Modul. Dafür ein Teil unklarer Bestimmung, das aussah wie ein Miniaturmotorradhelm, das sich gut als Aschenbecher eignen würde. Dann hätte sich mein Ausflug doch ein wenig gelohnt. Gerade wollte ich mit meiner neuen Errungenschaft die Halle verlassen, da hörte ich ein Geräusch. Ein rhythmisches Klicken, ganz leise nur. Es kam aus der entferntesten Ecke der Halle. Wäre ich nicht so neugierig, dann säße ich nun nicht hier, in dieser Spelunke mit einem antiquierten Notizbuch und einer ungewissen Zukunft vor mir. Einer Zukunft, die bedrohlich wirkt, aber in die ich meinen Fuß setzen muss. Es gibt keinen Weg zurück. Die Brücken hinter mir sind abgebrannt. So ist es nun einmal. Ich habe also nachgesehen. Ganz hinten an der Wand, hinter dem Ajax-Abfall, fand ich eine Treppe, die ein paar Stufen nach unten führte. Dort, im Keller, befand sich ganz offenbar die Geräuschquelle. Ich schlich die Treppe herunter und drückte die Klinke der Tür herab. Sie war offen. Vorsichtig schob ich sie einen Spalt auf. Dahinter befand sich eine Werkstatt. Etwa fünf Meter von mir entfernt gab es mehrere große Werkbänke, auf jeder ein Computer. Dort erhellten einige Deckenlampen mit trapezförmigen Metallschirmen den Raum. An den Tischen standen drei Leute in grünen Kitteln und arbeiteten konzentriert. Zwei Frauen und ein Mann. Das Klicken, nun deutlich hörbar, wurde von einer kleinen Maschine verursacht, in die eine der Frauen winzige Gegenstände hinein schob. Die drei sahen mich nicht. Mir war sofort klar, dass die Sache nicht mit rechten Dingen zuging – wieso sollte man sonst hier unten in aller Abgeschiedenheit arbeiten? An der hinteren Wand sah ich eine weitere Tür. Eine Sicherheitstür, wie für einen Bunker. Ich beobachtete die drei und versuchte zu identifizieren, womit sie da eigentlich beschäftigten. Plötzlich erkannte ich, was die Frau da in die Maschine schob. Transzender. Einen nach dem anderen, der ganze Schuber, der neben ihr auf dem Tisch stand, war voll davon. Ich hielt es für das beste, mich aus dem Staub zu machen. Ich schaffte es, die Tür ebenso leise wieder zuzumachen, wie ich sie aufgedrückt hatte. Dann kehrte ich in mein Büro zurück. Über meine Entdeckung verlor ich kein Wort, auch nicht nach Feierabend. Wäre L noch da gewesen, vermutlich hätte ich mit ihm darüber gesprochen, aber so fiel mir kein vertrauenswürdiger Gesprächspartner ein. An einem der nächsten Tage schützte ich Überstunden vor und nachdem alle das Büro verlassen hatten, ging ich zurück in Halle 11. Das Klicken drang wieder aus der unterirdischen Werkstatt. Ich versteckte mich hinter einem Haufen aus Metallmüll und wartete. Lange saß ich dort und nichts geschah. Nur das Klicken hörte ab und zu für ein paar Minuten auf, um dann von Neuem einzusetzen. Ich wagte es, mir die ein oder andere Zigarette anzustecken, auch wenn ich Gefahr lief, dass der Tabakgeruch mich verraten würde. Doch ich vertraute auf den steten Zug des Windes in der Halle. Meine Gedanken wanderten von diesem zu jenem. Zu der Frau aus meinen beklemmenden Träumen, deren Gesicht sich meiner Wahrnehmung entzog. Ich dachte an den Sammler. In meiner Vorstellung handelte es sich um einen verwachsenen Kerl mit wirren Haaren, der hinter einem verwahrlosten Haus Stückchen für Stückchen eine Ajax-Fähre zusammenbaute, um sich selbst ins All zu schießen. Ich dachte auch an meinen Freund L und plötzlich drängte sich mir die Idee auf, L sei dort, wo auch die Frau aus meinen Albträumen sich befand. Diesen befremdlichen Gedanken war ich noch nicht wieder losgeworden, als endlich, gegen ein Uhr nachts, das Klicken ganz verstummte. Wenig später hörte ich Schritte. Ich hörte, wie jemand einen Schlüssel herumdrehte. Leises Lachen, Knirschen auf der Treppe, Schritte, die sich entfernten. Ich wartete noch eine Weile, horchte in die Halle hinein, nahm aber nur noch das leise Säuseln des Windes wahr. Dann sammelte ich vorsichtshalber die Stummel meiner Kippen ein. Schließlich ging ich hinunter. Es gab keine elektronische Sicherung, keine Alarmanlage, nur ein altmodisches Schloss. Offenbar fühlte man sich hier sicher. Innerhalb von Sekunden hatte ich die Tür geöffnet. Ich traute mich nicht, das Licht anzuknipsen und benutzte stattdessen eine Taschenlampe, die ich jederzeit ausmachen konnte. Vorsichtig ging ich durch den Raum und leuchtete hierhin und dorthin. Die Transzender waren verschwunden, die Computer auch, ich vermutete, man hatte alles sicher hinter der Bunkertür verstaut. Dort befand sich wohl auch die eigentliche Produktionsstätte, ich nahm zumindest nicht an, dass Transzender von Hand gefertigt wurden. Wahrscheinlich waren die drei, die ich beobachtet hatte, lediglich eine Art letzte Kontrollinstanz. Die Bunkertür war zu. Mehrfach gesichert, mechanisch und elektronisch. Ich leuchtete noch ein wenig mit der Taschelampe hin und her, dann kehrte ich der Werkstatt für jene Nacht den Rücken. Aber ich kam zurück. Immer wieder in den folgenden Wochen. Pünktlich um eins machten die drei unterirdischen Arbeiter jedes Mal Schluss und ich konnte ihr Reich übernehmen. Es reizte mich, nachts in diesem verlassenen Raum herumzustöbern. Ich suchte nach nichts Bestimmtem, die wirklich interessanten Dinge vermutete ich hinter der Sicherheitstür und ich machte mir keinerlei Illusionen, dass die Menschen, die hier ihrer heimlichen Tätigkeit nachgingen, vergessen würden, sie sorgfältig zu verschließen. Aber manchmal stand ich einfach nur da, im Dunkeln, und genoss das Gefühl, mitten in einem Geheimnis zu stehen. Dieses Gefühl, das in einem leisen Vibrieren vom Bauch das Rückgrat hinaufstieg und das mit dem Gefühl der Macht verwandt war. Der Macht, etwas zu wissen, das anderen verborgen blieb. Vor allem aber waren meine Expeditionen eine Möglichkeit, der Einsamkeit meiner Wohnung zu entgehen. Sie halfen mir, nicht in Versuchung zu geraten, mehr zu schlafen als notwendig, meine Träume machten den Schlaf ohnehin wenig erholsam. Natürlich hätte ich die Behörden über die Aktivitäten unter Halle 11 verständigen sollen, das pflegt man in so einem Fall als ehrenwerter Staatsbürger zu tun. Möglicherweise bin ich das einfach nicht. Ehrenwert. Ich tendiere aber dazu, zu sagen, dass ich diesem Staat einfach nicht vertraue. Den Menschen, die ihn lenken. Dass sie diejenigen sind, die nicht besonders viel von Ehre halten. Parallel zu meinen unterirdischen Streifzügen begann ich im Büro zu recherchieren, natürlich auch ganz im Stillen, und stieß bald auf einige Ungereimtheiten. Um es kurz zu sagen: Wir verkauften Bauteile, die es gar nicht gab. Dazu verkauften wir enorme Mengen von Bauteilen, die zwar zu unserem Sortiment gehörten, die wir aber bei unserer Kapazität niemals in den angeblich gelieferten Mengen hätten herstellen können. Nicht in Jahren. Es war mühsam, alle Produktlisten und Artikelnummern zu prüfen, die Kapazitäten auszuloten, dazu noch einige Codes zu knacken und Sinn in Zahlenkolonnen zu bringen, aber irgendwann war ich mir sicher. Sicher, dass hier etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Die Teile für die Ajax-Fähren waren nur ein winziger Teil dessen, womit bei uns Umsatz gemacht wurde. Ich hatte eine deutliche Ahnung, was es war, womit hier eigentlich gehandelt wurde. Bei einem meiner nächsten Besuche unter Halle 11 fand ich sie dann. Sie lagen zwischen dicken Staubflocken unter einer der Werkbänke, wahrscheinlich schon seit Wochen. Niemand würde merken, dass sie fehlten, das hoffte ich zumindest. Ich steckte alle drei ein. In dieser Nacht hatte ich es eiliger als sonst, nach Hause zu kommen. Ich hatte noch nie einen Transzender ausprobiert.
Auf dem ovalen Gehäuse des Geräts war eine Skizze des menschlichen
Hinterkopfs eingraviert, die zeigte, wo man die Elektrodenplättchen
anlegen sollte. Es dauerte eine Weile bis ich die Plättchen so befestigt
hatte, dass sie nicht wieder abrutschten. Dann schaltete ich den Transzender
ein.
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