Allein (I)
Inspiriert vom mind.in.a.box-Album Lost Alone
Stella Christiane Bongertz
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Nun
sitze ich also hier und warte. Ich warte auf jemanden, der vorgibt, mir helfen zu wollen, den Zettel – ja, ich spreche auch hier von einem Stück Papier – mit der betreffenden Nachricht trage ich in meiner Hosentasche, ich kenne sie auswendig: Die Adresse des Cafés, das heutigen Datum, eine Uhrzeit und drei Sätze, in großen Druckbuchstaben von Hand geschrieben. Der erste: Du musst dich in Acht nehmen. Der zweite: Sei dort und wir werden dir helfen. Der dritte war eine Frage. Sie lautete: War nicht schon der Anbruch des Tages ein wenig ungewöhnlich? Diese Frage mag einem nicht Eingeweihten kryptisch erscheinen, eine geschwollene Formulierung ohne Sinn, zumindest im Zusammenhang mit einer Nachricht wie dieser. Doch mir sagte sie etwas, ich kannte sie. Sie war eine Art Code zwischen meinem Freund L und mir. L und ich sind im gleichen Jahr geboren und kennen uns seit unserer Kinderzeit. Irgendwann ungefähr im Alter von dreizehn oder auch fünfzehn, jedenfalls dann, wenn man das Leben noch für eine Wundertüte voller großartiger Überraschungen hält, entwickelten wir ein Ritual, dessen wesentlicher Bestandteil diese Frage war. L hatte die Formulierung aus einem Buch oder auch aus einem Songtext, ich habe die genaue Quelle vergessen, wie so vieles. Nicht vergessen habe ich, wann wir sie verwendeten. Bevor wir ausgingen zum Beispiel, in Erwartung etliche schöne Mädchen von unseren Liebhaberqualitäten überzeugen zu können, sagte immer einer von uns zum anderen „War nicht schon der Anbruch des Tages ein wenig ungewöhnlich?“ Es handelte sich um eine Art verbales Augenzwinkern, ein kameradschaftliches Auf-die-Schulter-Klopfen, das besagte: Heute wird so einiges passieren. Damit beschworen wir unser Schicksal und flößten uns gegenseitig Zuversicht ein. Dass diese Frage nun in dieser Nachricht auftaucht, gibt wiederum mir eine gewisse Hoffnung, denn diese Tatsache lässt mehrere Vermutungen zu. Eine davon: die Nachricht ist von L. Es wäre das erste Lebenszeichen seit seinem Verschwinden. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Person von der die Nachricht stammt, in Verbindung mit L steht. Jedenfalls musste sie irgendwie von unserem Code erfahren haben. Natürlich gab es auch hier mehrere denkbare Varianten. Dass L Tagebuch geführt hatte, beispielsweise, die Sache dort erwähnt hatte und dass das Tagebuch in die Hände von wem auch immer gelangt war, der mich hinters Licht führen wollte. Oder dass es Menschen gab, die L in unser Ritual eingeweiht hatte, ohne dass ich davon wusste. Natürlich auch, dass L von meinen Verfolgern irgendwie gezwungen worden war – ich mag nicht darüber nachdenken, wie – ihnen einen Köder für mich zu liefern. Ich habe den Zettel in den letzten Tagen unzählige Male angesehen und darüber meditiert, ob ich tatsächlich kommen soll. Vielleicht tappe ich geradewegs in eine Falle, aber habe ich eine Wahl? Zurück nach Hause kann ich ohnehin nicht. Von meinem Platz am Fenster aus kann ich sehen, wer sich dem Café nähert, wenn ich den Vorhang etwas zur Seite schiebe. Es ist nicht viel los auf der Straße. Nur zwei junge Männer, ich schätze sie auf Anfang Zwanzig, stehen gegenüber in einer dunklen Hofeinfahrt und stecken die Köpfe zusammen. Das Café würdigen sie keines Blickes, vermutlich nehmen sie es gar nicht wahr. Von außen deutet nichts darauf hin, dass sich hinter der grauen Fassade mit bröckelndem Putz eine Gaststätte befindet. Kein Schild, keine Speisekarte. Die Fenster sind schmutzig, kein Licht dringt das von drinnen nach draußen, genauso wenig wie in der umgekehrten Richtung. Auch ich hätte das Lokal niemals gefunden, ohne die genaue Adresse. Nun, die Jungen scheinen mir keine Bedrohung zu sein, zumindest nicht für den Augenblick. Aber ich fühle mich wie eine Katze, die ein Mauseloch beobachtet. Mein Körper ist angespannt, vorbereitet, blitzschnell zu reagieren, wenn... Wenn, ja, wenn... Schwierig zu sagen, was es sein könnte, aber wenn etwas an der Person, die ich hier treffen soll, ist, was mich alarmiert. Eine winzige verräterische Geste, ein Zucken, das den Griff nach einer Waffe begleitet. Ich habe da ein feines Gespür entwickelt, das mich schon vor einigen Katastrophen bewahrt hat. Es ist noch Zeit, bis er – ich nehme an, dass es sich um einen Mann handelt, möglicherweise sogar L selbst, auch wenn ich mich natürlich irren kann – eintreffen wird, mehrere Stunden. Diese Zeit werde ich mit Schreiben verbringen, das heißt, falls nichts dazwischenkommt. Ich will alles festhalten, vielleicht verfasse ich ja ein historisches Dokument. Vielleicht liest in fünf, zwanzig oder hundert Jahren jemand, was ich erlebt habe und lernt etwas daraus. Ich will aber vor allem schreiben, um nichts zu vergessen, nichts außer acht zu lassen, was von Bedeutung sein könnte. Alles kann wichtig sein, diese Lehre habe ich gezogen aus dem, was mir zugestoßen ist. Doch es gibt noch viel Ungeklärtes, Rätsel, die ich lösen muss. Vielleicht hatten sie schon viel früher angefangen mich zu beschatten, als ich es mit Bestimmtheit sagen kann. Lange bevor ich meine Entdeckungen gemacht habe. Mich hatte lange Zeit schon so ein Gefühl begleitet, als läge ein bedeutungsvolles Ereignis in der Luft. Etwas würde passieren. Ich erinnere mich, dass ich das oft gedacht hatte, bevor alles deutlichere Konturen annahm. Was genau geschehen sollte, davon hatte ich allerdings keine Vorstellung und ich schob meine Unruhe auf die Albräume. Sie plagten mich seit einiger Zeit, besetzten meine Nächte und überschatteten meine Tage. Visionen von einer Frau, die nach mir zu rufen schien, wenn ich auf meinem Bett in der Hitze vor mich hindämmerte, in diesem dumpfen Zustand am Rande des Schlafs. Oder auch des Wahns, ich war mir nicht ganz im Klaren, für was ich die Angelegenheit halten sollte. Beunruhigend waren diese Hirngespinste, als die ich sie zunächst abtat, zweifellos. Es war immer dieselbe Frau, da war ich mir sicher, aber ich bekam ihr Gesicht nie zu sehen. Es zerfloss in Undeutlichkeit, auch ihr Körper und ihre Kleidung waren nicht zu fassen. Wie es in Träumen manchmal so ist, sah ich sie und sah sie nicht. Sie war da, aber sobald ich meinen Blick auf sie zu richten versuchte, entglitt mir alles. Es war mehr ein Gefühl, das ich von ihr hatte, kein konkretes Bild. Dennoch war sie mir vertraut. Die Träume endeten damit, dass ich versuchte mich ihr zu nähern, um mit ihr zu kommen. Ich wusste, dass es das war, was sie von mir verlangte, auch wenn sie nicht mit mir sprach und ihre Stimme genauso unfassbar blieb, wie alles andere an ihr. Doch je mehr ich hinter ihr herlief, um so weiter entfernte sie sich. Und in dem Maße, in dem sie sich dem Horizont näherte und unweigerlich aus meinem Traum verschwinden würde, stieg meine Verzweiflung. Bald hatte ich sie verloren, spürte ihre Anwesenheit nicht mehr und ich wurde von einer Einsamkeit überwältigt, die mir den Atem abschnürte. Es war die allumfassende Einsamkeit des letzten Menschen. Alleine stand ich da in einer grauen Wüste, eine Ewigkeit, unfähig mich zu bewegen oder auch nur zu weinen und starrte in die Richtung, in der sie verschwunden war. Irgendwann gelang es dann einem Schluchzen, sich zu lösen, der Kloß im Hals zersprang. Doch das Schluchzen blieb lautlos. Eine furchtbare Angst erfasste mich an dieser Stelle des Traums. Ich schrie, aus voller Brust, so dass die Stimmbänder schmerzten, aber alles blieb still. Das Entsetzen darüber, dass ich nun auch den Schall verloren hatte, war noch schrecklicher als die Erkenntnis, die Frau verloren zu haben und auch als jene, der letzte Mensch zu sein. Dieses Entsetzen katapultierte mich zurück in die so genannte Realität. Wenn ich die Augen aufschlug sah ich die Zimmerdecke mit den Wasserflecken über mir, unter mir fühlte ich das verschwitzte Laken. Meine Wangen waren nass vor Tränen und um mich herum dröhnende Stille. Die Stille war seltsam, denn normalerweise war die Stadt ein ohne Unterlass vor sich hinmurmelnder Riese, doch wenn ich aus meinem Albtraum erwachte, war sie stets verstummt. Voller Angst, dass die Geräusche tatsächlich die Welt verlassen haben könnten, drehte ich dann das Radio neben dem Bett an. Seit jeher habe ich Angst, taub zu werden und hätte ich die Wahl, ich wäre lieber blind als ohne Gehör. Sobald die ersten Töne der dummen Musik, die fast überall gesendet wurde, mein Trommelfell in Schwingungen versetzten, begann ich, mich zu entspannen. Wenn ich Glück hatte, sank ich nun endlich in einen tiefen traumlosen Schlaf. Oft hatte ich allerdings Pech und der Traum kehrte wieder. Beim zweiten Mal meistens in einer noch schlimmeren Version: Während ich vergeblich versuchte, der Frau zu folgen, bemerkte ich hinter mir etwas Bedrohliches. Es schlich sich an, wollte mir Böses. Etwas Mächtiges, das mich festhielt, meine Arme gewaltsam nach hinten zog und mir an die Kehle griff. Auch den Verfolger sah ich nicht, doch ich wusste, dass er nicht menschlich war. Etwas anderes, ich kann es nicht benennen, weil es für solch ein Wesen keinen mir bekannten Begriff gibt. Seine Kälte lähmte mich. Auch in diesem Traum verschwanden die Frau und die Geräusche und alles andere. Ich blieb allein zurück, im Auge des Nichts. Immerhin bin ich mir mittlerweile fast sicher, dass ich nicht verrückt bin. Eine Angst von vielen weniger. Die restlichen Ängste begleiten mich weiterhin treu und lassen mich nie konzentriert nur eine Sache tun. Auch jetzt schreibe ich und spähe zugleich die ganze Zeit durch den Vorhangspalt nach draußen. Keine Veränderung, die Männer stehen immer noch in der Hofeinfahrt. Einer der beiden drückt dem anderen etwas in die Hand, das der sofort in der Hosentasche verschwinden lässt. Ein Transzender, nehme ich an, um was soll es sich schon sonst handeln? Transzender sind heute die wichtigste Ware auf allen illegalen Märkten, um nicht zu sagen: die einzige. Man befestigt Elektrodenplättchen an der Kopfhaut hinter den Ohren und an der Halswirbelsäule in Höhe der Hypophyse, stellt das Gerät ein und gleitet hinüber in ein sorgloses Dasein, entflieht der miserablen Existenz in der Stadt. Es heißt, früher hätten die Menschen zur Betäubung ihrer Sorgen synthetische oder aus Pflanzen gewonnene Stoffe konsumiert. Verbotene Substanzen mit erheblichen Nebenwirkungen, man nannte sie „Drogen“. Es soll viele Tote gegeben haben. Die Transzender sind physisch ungefährlich, aber auch sie sind verboten. Ob verboten oder nicht, es gibt sie. Gäbe es sie nicht, dann wäre jetzt vielleicht alles anders. Wie die Transzender funktionieren, wissen die Leute nicht. Die meisten glauben, dass sie die Gehirnströme und die Wahrnehmung verändern, so wie wohl früher die Drogen gewirkt haben. Das habe ich auch lange gedacht. Bis ich meine Entdeckungen gemacht habe.
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